Erörterung zum Drama Emilia Galotti von G.E.Lessing
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist der Wahlspruch der Aufklärung“ (Immanuel Kant, 1785)
Beurteile und begründe, inwiefern Lessings „Emilia Galotti“ im Sinne der Definition von Kant als Aufklärungsdrama verstanden werden kann. Stelle dar, welche Personen als Repräsentanten der Aufklärung charakterisiert werden können und belege dies am Text!
Das Drama „Emilia Galotti“ von Gotthold Ephraim Lessing entsteht in der Zeit der Aufklärung, die durch den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit sowie durch den Siebenjährigen Krieg gekennzeichnet ist. Es handelt von den verschiedenen Wertsvorstellungen der Adels-und Bürgerschicht, von der Willkür der Obrigkeit sowie vom Generationskonflikt innerhalb des Bürgertums. Das Drama „Emilia Galotti“ ist ein Aufklärungsdrama im Sinne der Aufklärung. Deutlich wird der Zusammenprall der Werte des Adels und des Bürgertums im Drama geschildert.
Als Staatsoberhaupt ist der Prinz Hettore von Guastalla der absolutistische Herrscher. Er ist die ranghöchste Person im Drama „Emilia Galotti“. Als souveräner Monarch steht der Prinz über dem Gesetzt und braucht daher auf niemanden Rücksicht zu nehmen. Darüber hinaus betreibt er Willkür. Man sieht es deutlich daran, dass er dem Vater Emilia vorenthält. Schließlich verzögert er die gerichtliche Untersuchung, um nur die Tochter bei sich zu behalten. (S.70 Z.15-23; Z.25)
Des Weiteren wird er hier zusammen mit Marinelli , welcher ebenfalls die höfische Lebenswelt und die Obrigkeit vertritt, als ichbezogen, skrupellos und gleichgültig repräsentiert. Der Egoismus des Prinzen kommt am deutlichsten zum Vorschein, als er alles Mögliche unternimmt, damit Emilia Galotti den Grafen Appiani nicht heiratet. Obwohl er mit der Prinzessin von Massa verlobt ist, will er dennoch Emilia um jeden Preis haben. “So bin ich verloren!- So will ich nicht leben!“ Dies zeigt, dass der Prinz Hettore als absolutistischer Herrscher an sofortige Lustbefriedigung gewöhnt ist. Zu bedenken ist aber, dass er eine Bürgerliche wie Emilia niemals heiraten würde. Der Prinz hat die Staatsräson als Leitprinzip. Aus diesem Grunde würde er niemals der vorteilhaften Union mit der Prinzessin von Massa im Wege stehen. Schließlich werden auf dem absolutistischen Hofe Hochzeiten meistens zu Gunsten des Staates arrangiert.
Die Obrigkeit stellt die Staatsräson in den Vordergrund, während das Volk, das sie als Untertanen bezeichnet, vernachlässigt wird. Besonders gut lässt sich diese gleichgültige Einstellung der Oberschicht zum Volk an dem lustlosen Arbeitsverhalten des Prinzen beobachten. Er fühlt sich nämlich unglaublich von der Arbeit belastet. „Die traurigen Geschäfte; und man beneidet uns noch!“ Hinzu kommt noch, dass er der Bitte einer gewissen Emilia Bruneschi einwilligt nur weil sie genauso wie seine heimliche Passion heißt. Das beweist, dass der Prinz die Herrschaft leichtsinnig betreibt. Zudem ist der Prinz bereit ein Todesurteil zu unterschreiben, ohne diesen überhaupt gelesen zu haben. „Ein Todesurteil wäre zu unterschreiben. Recht gern. –Nur her! Geschwind!“,- sagt er. An dieser Stelle wird die Skrupellosigkeit der Oberschicht stark betont.
Der Prinz, der der Führer des Adels ist, ist außerdem launisch und oberflächlich. So wechselt er die geliebten wie „Unterwäsche“. Vor einem Monat war er in die Gräfin Orsina verliebt, doch jetzt begehrt er Emilia Galotti. (S.7 Z.32-33) Der Prinz achtet nicht auf andere Menschen, da er von Lustbefriedigung angetrieben wird. So liest er nicht mal den Brief von der Gräfin Orsina und weist sie kalt und gleichgültig ab, als sie auf dem Schloss Dosalo erscheint. „Ich bin beschäftigt. Ich bin nicht allein. –Ein andermal meine liebe Gräfin!“, sagt der Prinz der angetroffenen Gräfin. Das zeigt deutlich, dass für Obrigkeit Frauen Lustobjekte, Spielzeuge sind. „Die einen führen dem Fürsten die Politik, die anderen die Liebe zu“. (S.11 Z.21-23)
Erwähnenswert ist auch, dass der Prinz Hettore im Drama „Emilia Galotti“ als hilfslos und unmündig auftritt. Ohne Marinelli ist er nicht fähig selbst zu denken. In allem verlässt sich der Prinz auf die Ratschläge von Marinelli. Überhaupt lässt er Marinelli sein Leben meistern. (S.15 Z.11-12) Diese Macht, die der Prinz Marinelli gewährt, macht ihn praktisch zu seinem Vormund. Aus diesem Grund weist Marchese Marinelli autoritäre Züge auf, denn er erteilt befehle dem Prinzen. (S.36 Z.36-37) Er ist derjenige, der vorschlägt den Grafen Appiani als Gesandten wegzuschicken, damit die Hochzeit nicht stattfindet. (S.15 Z.25-33) Als dieser Versuch jedoch fehlschlägt, engagiert Marinelli Räuber, die Equipage mit dem Brautpaar überfallen, den Grafen töten und Emilia dem Prinzen auf das Schloss bringen. Eindeutig ist, dass Marinelli dominant ist und im Hintergrund das Land regiert. Auch in Angelegenheiten mit der Gräfin Orsina ist Marinelli nicht tatenlos. Da der Prinz sie nicht sprechen will, überlässt er diese lästige und unangenehme Arbeit Marinelli. Er soll nämlich dem Prinzen diese schwere Last abnehmen, sein Privatleben zu regeln. (S.50 Z.7-8) Er befindet sich in einer totalen Abhängigkeit von Marinelli. Jedoch ist diese Abhängigkeit selbstverschuldet, da der Prinz Hettore sich weigert selbst zu denken und zu handeln. Darüber hinaus ist Marinelli als Repräsentant des Hofes auf die Machtsicherung-und Erweiterung bedacht. Es ist für ihn durchaus günstig, dass der Prinz ihm so viel Macht einräumt. Der Prinz vertraut Marinelli in allem, sodass Marinelli ihn leicht manipulieren kann. Sein Ziel ist die Staatsmacht, die auf diese Weise durch die Hand des Prinzen unmittelbar erfolgreich erlangt.
Als am Ende des Dramas Emilia Galotti von ihrem Vater getötet wird, beschuldigt der Prinz Marinelli, dass es soweit gekommen ist. (S.75 Z.5-10) Dabei trägt er die Schuld am Tod von Emilia und des Grafen Appiani nicht weniger, weil er das alles durch Marinellis Hand zugelassen hat. Nicht nur in der höfischen sondern auch in der bürgerlichen Welt gibt es Menschen, die gern unmündig bleiben. Emilia Galotti ist ein perfektes Beispiel dafür. Sie wird durch ihren vater fremdbestimmt, der ihr Vormund ist. Laut dem patriarchalischen Familienbild, welches im Bürgertum verankert ist, ist der Vater der Familienoberhaupt, dem alle Frauen des Hauses sich unterordnen müssen. So werden die Töchter zur Anpassung erzogen. Der Vater ist derjenige, der Entscheidungen trifft. Seine Erziehungsmethoden bauen auf Religion und strenger bürgerlicher Moral, welche die Lebensweise des Hofes als verdorben ansehen. Emilia wird von ihrem Vater überwacht, ist ihm Rechenschaft über jeden ihrer Schritte schuldig. Sie hat die Werte des Vaters verinnerlicht, um seine Liebe und Anerkennung zu gewinnen. Deutlich wird es, als Emilia aufgewühlt nach dem Kirchenbesuch heimkehrt. Sie traut sich nicht mal den Prinzen er zu nennen. Emilia bezeichnet ihn als es. (S.24 Z.26-27) Für den Vater wäre es allerdings schon genug zu einem Fehltritt. Ferner betrachtet Emilia ihre erwachende Sinnlichkeit als Sünde, weil sie den Wertvorstellungen des Vaters nicht entspricht. Natürlich schmeichelt ihr sehr, dass so eine wichtige Person wie der Prinz Interesse an ihr zeigt. So fühlt sich Emilia dafür schuldig, dass der Prinz ihr gefällt. Die Schuldgefühle steigern sich bei ihr bis zur Selbstverachtung. Emilia befindet sich in einem Ambivalenzkonflikt. Einerseits wird sie von der Lustsucht getrieben, andererseits kann Emilia nicht der Verführung nachgeben und gegen die strengen Moralvorstellungen des Vaters verstoßen. (S. 73 Z.30-33)
Zur Ergebenheit und Unterordnung erzogen kann Emilia sich nicht dem Vater widersetzen geschweige denn dem Fürst. Die Politik eines absolutistischen Herrschers basiert ebenfalls auf Unterordnung. Emilia darf sich nicht gegen Wünsche des Fürsten auflehnen. So wird ein massiver Druck auf die junge Frau ausgeübt.
In diesem Sinne ist Emilia Galotti keine Revolutionärin, weil sie so handelt wie ihre Eltern es gerne hätten und nicht so wie sie möchte. Sie lässt sich nämlich erstechen, damit ihre Unschuld unversehrt bleibt und sie für die Familie kein Schandfleck darstellt. Dabei verzichtet Emilia auf eigene Interessen und Wünsche und überlässt die Situation dem Vormund.
Dagegen ist die Gräfin Orsina Repräsentantin der Aufklärung, denn sie kritisiert und äußert offen ihre Verachtung gegenüber der Obrigkeit. Beispielsweise redet die Gräfin sehr grob und verachtungsvoll mit Marinelli. (S.52 Z.10-18) Die Gräfin Orsina bedient sich des eigenen Verstandes, da sie die Stellung der Frauen am Hof realisiert und das institutionalisierte Mätressenwesen offen kritisiert. „Lachen soll es, nichts als lachen, um immerdar den gestrengen Herr der Schöpfung bei guter Laune zu erhalten“ (S.52) Außerdem spielt die Gräfin mit dem Gedanken den Prinzen zu töten. (S.60 Z.31) Wenn man nur bedenkt, dass Menschen aufgetaucht sind, die es wagen an den Mord von einem absolutistischen Herrscher zu denken oder gar jemanden dazu anzustiften!
Genauso wie die Gräfin Orsina ist der Graf Appiani ebenfalls ein Repräsentant der Aufklärung, da er auf die Gesellschaftsschranken gepfiffen hat, indem er sich entschloss eine Bürgerliche zu heiraten. Des Weiteren verweigert er den fürstlichen Befehl: „Ich kam an seinen Hof als Freiwilliger. Ich wollte die Ehre haben, ihm zu dienen: aber nicht sein Sklave werden.“ Aus diesem Grund will der Graf Appiani nach der Heirat mit Emilia sich auf das Land zurückziehen, denn er hat Verstand und braucht keinen Vormund oder Herrscher.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Drama „Emilia Galotti“ Grundsätze der Aufklärung propagiert. Lessing kritisiert nicht nur die Willkür der Obrigkeit sondern auch die selbstverschuldete Unmündigkeit der Menschen, die sowohl Adel als auch Bürgertum aufweisen. Der Prinz und Emilia Galotti sind die Figuren, an denen es deutlich gezeigt wurde. Sapere aude! Lautet der Wahlspruch der Aufklärung und ist ein Appel des Autors an die Gesellschaft. Habe Mut, dich deines Verstandes ohne die Leitung eines Fremden zu bedienen!
Wenn man die damaligen Umstände auf die Gegenwart bezieht, so ist das Thema heute noch aktuell. Zwar ist in den meisten Ländern die absolutistische Herrschaft längst abgeschafft worden, doch existieren heute Länder, die unter einer Scheindemokratie Diktatur betreiben. Ein anderes Problem ist, dass einige Menschen sich einfach weigern selbst zu denken. Sie lassen sich am besten von jemandem führen, weil sie ein sattes Leben haben alles andere sie nicht kümmert.